Es waren vielleicht Schlüsselmomente des deutschen Titelgewinns 2014, sie ereigneten sich im dritten Vorrundenspiel gegen die USA im verregneten Recife. Zum ersten Mal in diesem Turnier stand Bastian Schweinsteiger, der zuvor lange verletzt gewesen war, in der Startelf. Er musste, weil noch nicht ganz fit, erst wieder ins Team integriert werden. Und der Kapitän Philipp Lahm half ihm, seinem langjährigen Mitspieler beim FC Bayern.

Lahm war der zentrale Mittelfeldspieler, doch er überließ Schweinsteiger einige Male Ball und Raum, damit der ins Spiel eingebunden wurde und Sicherheit gewann. Die Deutschen gewannen knapp, aber sicher 1:0 und kamen als Gruppensieger in die K.-o.-Runde.

Was Lahm tat, war nicht selbstverständlich. Er kämpfte zu dieser Zeit selbst um seinen Platz. In Deutschland verstanden viele die Idee nicht, dass leichtfüßige Spieler wie er im Mittelfeld sehr gut aufgehoben sind. Während des Spiels danach, im Achtelfinale gegen Algerien, wechselte er aufgrund der Verletzung Shkodran Mustafis tatsächlich in die Abwehr. Seinen Platz übernahm Schweinsteiger, und wie das weiterging, dazu später.

Social Skills auf dem Fußballfeld

Was Lahm gemacht hat, nennt man in der Berufswelt weiche Führungsqualitäten. Social Skills, auf dem Fußballfeld, im Kerngeschäft sozusagen, funktionieren sogar nonverbal. Dieser kooperative Stil zeichnet den modernen Führungsspieler im Fußball aus.

Führungsspieler – diesem Begriff hängt etwas ausgestorben Altdeutsches an, etwas Effenbergeskes, Ballackhaftes. Die neue Denkschule will am liebsten gar nicht mehr über die Leitwölfe reden. Doch Führungsspieler gibt es noch immer, denn Hierarchien gibt es noch immer. Sie entstehen überall, selbst wenn sich drei Kleinkinder eine halbe Stunde in einem Raum aufhalten. Erst recht in einer Gruppe von gut zwanzig Millionären wie beim Fußball, wo Führungsspieler unabkömmlich sind für den Erfolg.

Nur haben sich die Zeiten geändert. In deutschen Büros hat der autoritäre Stil der Bosse, die über die Belegschaft herrschen und auch mal Witze machen, langsam ausgedient. Und im Fußball schreit der moderne Führungsspieler nicht mehr die Kabine zusammen, schnauzt nicht mehr die Teamkollegen an oder lässt die Jüngeren die Bälle und Tore schleppen. Heute arbeitet er mit Trainern und Mitspielern zusammen, akzeptiert die Anforderungen an ihn selbst, spürt Strömungen im Team, wirkt ihnen gegebenenfalls vorab entgegen, redet offen und zeigt dauerhaft gute oder sehr gute Leistungen, wie Lahm etwa.

Und jetzt, nach dem nicht nur sportlich irritierenden Auftritt gegen Mexiko, stellt sich die Frage: Hat die deutsche Elf Führungsspieler oder zumindest solche, die es im Laufe des Turniers werden können?

Neuer: möglicherweise zu nett

Infrage kommen natürlich als Erstes die Weltmeister von 2014, etwa der Kapitän Manuel Neuer. Er ist sportlich unstrittig und darüber hinaus integer und nett, möglicherweise zu nett, das sollte eine Führungskraft auch nicht sein. Außerdem war er lange verletzt, weswegen er mit sich selbst befasst ist. Und als Torwart ist er eingeschränkt in seiner Reichweite. Er hat mit dem, was vorne passiert, nichts zu tun. Dass Neuer in Russland nicht der Chef auf dem Platz sein wird, diesen Eindruck konnte er auf der Pressekonferenz zwei Tage nach der Auftaktniederlage nicht zerstreuen.

Auch Mats Hummels drängt sich nicht als Führungskraft auf. Zwar kann er schneller denken und besser reden als die meisten anderen. Doch den Grund, warum ihm das Etikett Klassensprecher anhängt, konnte man nach dem Mexiko-Spiel erkennen: Nicht zum ersten Mal kritisierte er in der Öffentlichkeit Mitspieler und indirekt auch den Trainer, obwohl er selbst Fehler gemacht hatte und in kritischen Situationen nicht an seinem Platz war. Ein No-Go, Lahm hat so etwas nie gemacht.

Intern beäugt wird, trotz seiner unbestrittenen Klasse, auch Toni Kroos. Wer wie er Mitspieler auf dem Platz mit abfälligen Gesten versieht, darf sich über den Ruf nicht wundern, abgehoben zu sein. Kroos sprach zuletzt im Fernsehen herablassend über seine Kollegen, etwa im März nach der Niederlage gegen Brasilien, nun nach dem Mexiko-Spiel, wenn auch zwischen den Zeilen. Aber auch Fußballer können dort lesen.

Khedira war in entscheidenden Spielen nicht dabei

Sami Khedira hegte schon mit Anfang zwanzig den Anspruch, eine pflichtbewusste Vertrauensperson zu sein. Doch gegen Mexiko zählte er zu den Schwächsten. Als er ausgewechselt wurde, lief es für die deutsche Elf besser. Fraglich, ob er gegen Schweden überhaupt aufläuft. Die Älteren werden auch noch wissen, dass Khedira sowohl bei der WM 2014 als auch bei der EM 2016 im jeweils entscheidenden Spiel nicht dabei war. Das schwächt die Akzeptanz in der Gruppe.